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Soziale Kognitionen

Die Fähigkeit zur Sozialen Kognition ist eine wichtige Alltagskompetenz. Unter Sozialen Kognitionen versteht man verschiedene Prozesse auf der Ebene der Gedanken und Gefühle, die im sozialen Miteinander ablaufen. Dabei handelt es sich um verschiedene Fähigkeiten, die aber auch aufeinander aufbauen. Zum einen kann es darum gehen, die Gefühle anderer Menschen zu erkennen (Gefühlserkennung). Aber auch das Einnehmen der Perspektive eines anderen Menschen (Empathie) ist ein Prozess der Sozialen Kognitionen. Ebenfalls gehört das Lösen von schwierigen sozialen Situationen (soziales Problemlösen) dazu. An den verschiedenen Prozessen sind unterschiedliche Bereiche im Gehirn beteiligt. Im Folgenden werden die einzelnen Prozesse etwas genauer erklärt.

Emotionserkennung

Typischerweise hilft uns das Gesicht dabei, zu erkennen, wie andere Menschen sich fühlen.

Weiteren Aufschluss über die Gefühlslage anderer gibt uns aber auch die Körperhaltung (z.B. eingesunken bei Traurigkeit) oder die Stimme. Ein wichtiger Bereich im Gehirn, der bei der Erkennung von Gefühlen eine Rolle spielt, ist die Amygdala [Link zum Wörterbucheintrag]. Dabei handelt es sich um das sog. Gefühlszentrum im Gehirn. Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, ist evolutionär gesehen ein sehr alter Kern.
Wenn Sie Ihre Fähigkeit zur Emotionserkennung testen wollen, schauen Sie gerne hier: http://www.mifor.de/kultur/anleitun.htm

Empathie

Empathie beschreibt die Fähigkeit, die Perspektive einer anderen Person einnehmen zu können.

Damit ist gemeint, dass man die Gedanken und Gefühle einer anderen Person nachempfinden kann.

Wenn wir zum Beispiel sehen, dass jemand traurig ist, können wir uns in diese Person hineinversetzen und sie trösten.

Dieser Prozess der Perspektivübernahme wird auch als Theory of Mind bezeichnet. Dabei sind einige bestimmte Bereiche des Großhirns der rechten Hirnhälfte beteiligt.

Bedeutende Entwicklungsfortschritte bei der Entwicklung einer Theory of Mind finden bei Kindern normalerweise in dem Altersabschnitt zwischen dem 3. und dem 5. Lebensjahr statt.

Mit der „Sally-Anne-Aufgabe“ kann man testen, ob Kinder bereits eine Theory of Mind entwickelt haben. Die Sally-Anne-Aufgabe wird hier in diesem Video/ auf diesen Folien erklärt.

Erklärung

Sally wird in dem Korb nach ihrem Ball suchen.

Kinder, deren Theory of Mind noch nicht richtig entwickelt ist, sagen oft:
„Sally sucht in der Kiste nach dem Ball.“
Diese Kinder verstehen noch nicht, dass eine andere Person eine „falsche Überzeugung“ haben kann.
Das bedeutet: Die Kinder verstehen noch nicht, dass eine andere Person einen anderen Wissensstand haben kann, als sie selbst.

Soziales Problemlösen

Zum sozialen Problemlösen gehört die Fähigkeit zu entscheiden, wie man sich in einer bestimmten Situation zum einem so verhalten kann, dass man sein Ziel erreicht, aber auch so, dass es sozial angemessen ist. Ein Gleichgewicht zu finden, wie man Rücksicht auf andere Menschen nimmt und trotzdem das erreicht, was man möchte, ist nicht immer leicht.
Eine Beispielsituation für solch ein soziales Problem ist folgende:


Mark organisiert eine große Feier für seine Firma. Sein Freund backt gerne, lässt aber oft etwas anbrennen. Sein Freund bietet ihm an, für die Firmenfeier einige Bleche Kuchen zu backen.
Wie sollte Mark sich verhalten, um die Situation bestmöglich zu bewältigen?
Antwortmöglichkeiten:

1. Die Feier absagen

falsche Antwort

Falsche Antwort

Richtig ist Antwort c, da diese Möglichkeit sowohl sozial verträglich als auch pragmatisch ist.

falsche Antwort

Um ein soziales Problem effektiv lösen zu können, muss eine Situation zuerst als soziales Problem erkannt werden. Anschließend müssen verschiedene mögliche Lösungen gesammelt werden, aus denen die bestmögliche Lösung ausgewählt und umgesetzt wird.

Wichtig zu wissen
Die verschiedenen Komponenten der Sozialen Kognitionen sind nicht isoliert, sondern stehen miteinander in Verbindung. Um die Perspektive eines anderen Menschen überhaupt einnehmen zu können (Empathie), müssen zuerst die Gefühle des anderen Menschen richtig erkannt werden. Soziales Problemlösen wiederum gelingt nur dann am besten, wann man in der Lage ist, eine Situation auch aus der Perspektive anderer Menschen betrachten zu können.
Die folgende Grafik veranschaulicht den interaktiven Prozess:

Interaktive Prozesse
Quelle: https://www.sokobo.de/soko.html

Störungen der Sozialen Kognitionen

Bestimmte psychische oder neurologische Erkrankungen können dazu führen, dass die sozialen Kognitionen beeinträchtigt sind.

Diese Beeinträchtigungen können sich auch auf das soziale Verhalten im Alltag und im Berufsleben auswirken.

Verschiedene Studien zeigen solche Defizite unter anderem bei Personen mit Schizophrenie oder Autismus, Depression, posttraumatischer Belastungsstörung, bipolarer Störung oder Substanzabhängigkeit.

Aber auch bei erworbenen Hirnschädigungen, z.B. durch ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Schlaganfall, Hirnblutungen oder einen Hirntumor können die sozialen Kognitionen beeinträchtigt sein.

Beispielsweise fällt es den Betroffenen schwer, Ironie oder Sarkasmus zu erkennen. Oder sie haben Schwierigkeiten damit, Emotionen anhand von Gesichtsausdrücken oder der Stimmlage richtig zu erkennen.

Diese Einschränkungen können auch zu Schwierigkeiten im Berufsleben führen.

Es kann zum Beispiel häufiger zu Missverständnissen mit Arbeitskolleg:innen oder Vorgesetzten kommen. Deshalb ist eine Widereingliederung in das Berufsleben für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung oft eine Herausforderung.

Therapie

SoKoBo

Eine Möglichkeit für die Behandlung von Defiziten in den Sozialen Kognitionen nach einer erworbenen Hirnschädigung ist ein von der Ruhr-Universität Bochum entwickeltes Online-Therapieprogramm: Das SoKoBo-Projekt. Ausführliche Informationen zum SoKoBo-Projekt finden Sie hier: https://www.ruhr-uni-bochum.de/sokobo/
Die Online-Therapie besteht aus drei Modulen, die sich jeweils mit einer Komponente der Sozialen Kognitionen (Emotionserkennung, Perspektivübernahme und soziales Problemlösen) befassen. Die Dauer der Therapie beträgt ca. 16 Wochen und kann selbstständig von zuhause aus durchgeführt werden.

SCIT

Ein anderes Therapie-Programm (was jedoch hauptsächlich für Patienten mit Schizophrenie ausgelegt ist) ist das „social cognition and interaction training“ (SCIT).

 

SCIT besteht aus drei Phasen und ist für Gruppentherapie in Präsenz gestaltet. Das Programm beinhaltet Aufklärung über die Störung und über Soziale Kognitionen. Es gibt aber auch verschiedene Übungen wie das Interpretieren von Videos und Bildern. Außerdem werden mit Hilfe von Spielen und dem Problemlösen in Gruppen Strategien erarbeitet, um soziale Problemsituationen zu verstehen.

Weitere Therapieansätze

Es gibt daneben auch Therapieansätze, die sich jeweils nur auf einen bestimmten Prozess der sozialen Kognitionen konzentrieren. Das Erkennen von Gefühlen wird üblicherweise durch sogenannte Emotionsdiskriminations-Ansätze trainiert. Bei diesem Verfahren werden häufig Fotos, Videos oder auch Stimmen eingesetzt. Der Patient muss einschätzen, welches Gefühl ausgedrückt wird. Dazu gibt es dann Feedback.

Um Perspektivübernahme zu trainieren, werden beispielsweise Comics eingesetzt. Mit denen können Patienten üben, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen. Dies geschieht dadurch, dass man einschätzen soll, wie sich ein bestimmter Charakter in der dargestellten Situation fühlt. Oder man überlegt, welche Absichten er verfolgt. Außerdem soll man sich vorstellen, wie man sich in derselben Situation fühlen würde.
Schließlich gibt es noch spezielle Therapien, die auf eine Verbesserung der (sozialen) Problemlösekompetenzen abzielen. Ein Beispiel dafür ist das Problem Solving Training (PST). Dieses Programm besteht aus vier aufeinander aufbauenden Stufen und soll dabei helfen, selbstständig Problemlösestrategien zu entwickeln.

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