Was ist Aphasie
Das Wort Aphasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Sprachlosigkeit“ oder „ohne Sprechen“. Menschen mit einer Aphasie, egal welcher Form und Ausprägung, haben Schwierigkeiten in allen Bereichen, die mit Sprache in Verbindung stehen. Dies kann von Problemen beim Sprechen an sich, beim Finden der richtigen Worte, bis hin zu Verständnisproblemen gehörter oder geschriebener Sprache reichen, die Aphasie kann sich also auf das Sprechen, das Verstehen gesprochener Sprache, das Lesen und / oder Schreiben auswirken. In der Fachsprache wird die Aphasie auch als multimodale Sprachstörung bezeichnet, da oft mehrere Bereiche gleichzeitig betroffen sind.
Ursache für das Auftreten einer Aphasie ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ein Schlaganfall, ein Schädel-Hirntrauma ist der zweithäufigste Grund, weniger oft werden Hirntumore oder andere Erkrankungen des Gehirns als Ursache gefunden.
Die Fachbegriffe für die verschiedenen Bereiche, die durch eine Aphasie gestört sein können, sind die folgenden, falls Ihnen diese Begriffe bei Arztgesprächen oder Gesprächen mit Logopäden einmal begegnen. Da ist zum einen eine Störung in der Phonologie möglich, hierbei handelt es sich um die fehlerhafte Kombination von einzelnen Lauten, z.B. wird „Tinsch“ statt „Tisch“ gesagt, manchmal werden Laute innerhalb eines Wortes umgestellt, so kann dann aus „Brot“ „Trob“ werden oder es werden Laute durch andere ersetzt, dann heißt „Flasche“ plötzlich „Flusche“. Desweiteren kann die Morphologie beeinträchtigt sein. Morphologie bezeichnet die Wortbildung. Patienten mit gestörter Morphologie verändern die Deklination, also die Regeln, nach denen Worte gebildet und im Satzzusammenhang verändert werden. Da heißt es dann zum Beispiel „ Ich bin mit dem Auto gefahrt.“ Auch die Semantik, also die reine Wortbedeutung, kann gestört sein. Es kann zu Verwechslungen zwischen Worten kommen, deren Bedeutungen mit einander in Zusammenhang stehen können, so wird dann zum Beispiel aus einem „Elfmeter“ ein „Schiedsrichter“. Tatsächlich existierende Worte werden zu Neuschöpfungen, sog. Neologismen, neu kombiniert, z.B. „Steinzeugdreher“ statt „Schraubenzieher“ (1). Manchmal werden Teilworte eines kombinierten Wortes weggelassen und der „Blumentopf“ ist nur noch ein „Topf“. Auch der Satzbau, die Syntax, kann beeinträchtigt sein. Es werden dann z.B. Verben ausgelassen oder es wird mitten im Satz einfach abgebrochen und man kann nicht mehr verstehen, was der Patient eigentlich mitteilen wollte. Manche Patienten mit einer Aphasie neigen dazu, unkontrolliert und quasi überschäumend zu reden, der Rededrang lässt sich nur schwer oder gar nicht unterbrechen, dies wird in der Fachsprache als Logorrhö bezeichnet. Nicht nur das eigene Sprechen des Patienten kann bei einer Aphasie beeinträchtigt sein, manchmal können Patienten nicht mehr verstehen, was ihnen gesagt wird. Sie können genannte Begriffe nicht mehr den bezeichneten Gegenständen zuordnen. Wobei hier wichtig ist, dass die Patienten mit einem gestörten Wortverständnis eher abstrakte Begriffe, wie „Vertrauen“ oder „Glück“, nicht mehr verstehen, Dinge, die ‚begreifbar‘ sind, wie zum Beispiel ein „Buch“ oder ein „Hund“, scheinen den Patienten weniger Probleme zu bereiten.
Wir verwenden im folgenden Text immer die männliche Form, meinen damit aber sowohl Patienten, als auch Patientinnen bzw. Therapeuten, als auch Therapeutinnen. Wir haben uns für dies Form entschieden, um den Text nicht zu sehr zu verkomplizieren.
Doch nun wieder zum eher medizinischen Aspekt der Aphasie. Es werden vier Arten der Aphasie unterschieden, zum Teil benannt nach ihrer Ausprägungsart oder –stärke und zum Teil benannt nach der Läsionsregion im Gehirn, die ursächlich für die dann auftretenden Symptome sind. Sie finden nachfolgend diese vier Arten einzeln erklärt nach dem Ort der Läsion, da es weitere nicht so verbreitete Aphasieformen gibt, wird auf diese auch noch kurz eingegangen, dann folgt eine Auflistung der Symptome, eine Beschreibung des für diese Art üblichen Sprachflusses mit Einschätzung der Auswirkungen auf die Kommunikationsfähigkeit, die ein Mensch mit dieser Art der Aphasie üblicherweise zeigt. Nach der ausführlichen Beschreibung der Ätiologie der Aphasieformen geben wir Ihnen eine Beschreibung der häufigsten Diagnosemethoden und danach möchten wir Sie noch über die bisher angewandten Therapiemethoden informieren.
(1) Zitat aus „Aphasie – Wege aus dem Sprachdschungel“ Kapitel 2.1.
Aphasie — wenn die Sprache verloren geht. Hören Sie hier einen Beitrag über die verschiedenen Arten der Aphasie und erfahren Sie, wie Sie aktiv bei der Therapie mitwirken können.
Formen der Aphasie
Aphasieform - Läsionsort
Läsionsort
Wie der Name bereits vermuten lässt, ist die Läsion, die zu einer globalen Aphasie
führt die mit den größten Auswirkungen. Bedingt dadurch, dass das
Mediastromgebiet betroffen ist, wirkt sich die Minderdurchblutung frontal, parietal und
temporal aus, auch subkortikale Bereiche sind betroffen. In Abbildung 2 finden Sie
ein CT-Bild, welches einen Mediainfarkt zeigt, der zu einer globalen Aphasie geführt
hat. Der rot umrandete Bereich ist der Läsionsort. Wenn man sieht, wie viel Gewebe
im Sprachbereich des Gehirns betroffen ist, kann man verstehen, woher die globale
Aphasie ihren Namen hat. Wie bereits erwähnt, ist die Ursache für eine globale
Aphasie meist in einem sogenannten Mediainfarkt zu suchen. Mit dem Begriff ist
gemeint, dass in der Arteria cerebri media die Durchblutung gestört ist. Da diese
Arterie der erste Abzweig der Arteria carotis interna darstellt und danach noch viele
Bereiche des Gehirns von ihr mit Blut versorgt werden, ist eine Minderdurchblutung
dieser Arterie und aller ihr nachfolgenden Arterien eine sehr ernsthafte Läsion, die
gravierende Schädigungen verursacht. Wie das untenstehende CT-Bild ja auch
belegt.
Es mag Ihnen komisch vorkommen,
dass unter dem CT Bild „links“ und
„rechts“ steht. Dies hat einen
besonderen Grund: Je nach Art der
CT Aufnahme wird das Gehirn
seitenverkehrt oder sozusagen
richtig herum abgebildet. Das hat
mit der Bildbearbeitung zu tun.
Damit Sie nicht zu sehr verwirrt
werden, haben wir auch unter die
nun noch folgenden CT Bilder
immer „links“ und „rechts“ notiert.
Globale Aphasie Syptome
Symptome
Die globale Aphasie zeichnet sich dadurch aus, dass nicht nur Teilbereiche der
Sprache gestört sind, sondern ein Patient mit einer globalen Aphasie hat in allen
Modalitäten mehr oder weniger ausgeprägte Probleme. Keine Aphasie gleicht in
ihren Ausprägungen der anderen. Nahezu jeder Patient mit einer globalen Aphasie
zeigt unterschiedlich starke Einschränkungen in seiner Fähigkeit zu kommunizieren.
Aber bei allen ist ähnlich, dass so gut wie jeder Bereich, der mit Sprache zu tun hat,
beeinträchtigt ist. Patienten mit globaler Aphasie können sich entweder gar nicht
äußern oder ihre Äußerungen sind teilweise oder ganz unverständlich. Sie geben
häufig nur einzelne Silben oder Wörter von sich, so dass der Sinn dessen, was
gesagt werden sollte, unverständlich wird.
Auch das Verständnis für gehörte Sprache ist – zumindest in der ersten Zeit nach
dem Schlaganfall bzw. der Hirnverletzung – nicht mehr vorhanden oder stark gestört.
Lesen und Schreiben ist entsprechend leider ebenfalls stark in Mitleidenschaft
gezogen. Dr. Luise Lutz, eine klinische Linguistin, hat in ihrem Buch „Das
Schweigen verstehen“ einen Patienten mit einer globalen Aphasie beschrieben, wir
möchten hier ein aufgezeichnetes Gespräch zwischen dem Patienten und Frau Dr.
Lutz zitieren:
Ein Gespräch mit Herrn G:
Es fand ca. 4 Monate nach Ausbruch der Aphasie und 2 Monate nach Beginn der Therapie
statt. Das Verstehen war so weit gebessert, dass er im Gespräch meistens erschließen
konnte, worum es ging, obwohl er nicht jedes Wort verstand:
Herr G. war gebeten worden, ein Bild zu beschreiben, das einen Vater und mehrere Kinder
im Wohnzimmer zeigte:
Herr G.: … bi, ach so, Bild, ja … äh … d … das … ähm … nee, s‘is … äh … viertel vor
… nee, viertal nach halb…
L.L.: Hm. Und nun …
Herr G.: So. Dann … äh … ein … äh … einich … das … das Kpelefon …
L.L.: Ja. Wo?
Herr G.: Nee … das … der Mann is …
L.L.: ja! Herr G.: … is Frau und Kinder …
L.L.: Eine Frau? Eine Frau seh ich gar nicht …
Herr G.: Nee … oh, ja … das … äh … i … is alles … so … so der Frau … äh … sucht …
am ob tu … sam … dem ge Mann sucht … nein, das ist ein Kinder, is … äh
Mann, nee?
L.L: Ja … das ist ein Kind.
Wie an diesem Gespräch unschwer zu erkennen ist, ist die gesprochene Sprache
des Patienten sehr stark beeinträchtigt, so stark, dass nur noch Fragmente einem
verständlich gesprochenem Wort nahe kommen. Aber man sollte auf keinen Fall den
Fehler machen, diese unverständliche Sprache mit einer eingeschränkten Intelligenz
gleichzusetzen! Patienten mit einer Aphasie haben eine Verletzung am
Sprachzentrum des Gehirns, sie sind nicht plötzlich dumm geworden durch diese
Verletzung, wohl aber können sie in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt und
verlangsamt sein, was dann anmutet, als ob derjenige dümmer geworden sei. Auch
die Persönlichkeit des Patienten hat sich durch diese Störung nicht verändert, es ist
immer noch der gleiche Mensch, mit dem Sie vor der Erkrankung zu tun hatten. Aber
da die Einschränkungen durch diese Aphasieform beträchtlich sind, machen Sie sich
darauf gefasst, dass Ihr Angehöriger vor allem in der ersten Zeit viel Zuspruch und
Ermutigung brauchen wird. Depressionen sind leider ein häufige Folge einer
Aphasie, doch dazu später mehr.
Leider ist fast immer neben der gesprochenen Sprache auch die geschriebene
Sprache stark beeinträchtigt. Patienten mit globaler Aphasie haben – ebenso wie
beim Sprechen – größte Probleme, selbst zu schreiben oder geschriebene Sprache
zu verstehen. Auch das Abschreiben einzelner Buchstaben oder von Wörtern gelingt
Patienten, die unter einer globalen Aphasie leider meistens nicht. Frau Dr. Lutz hat in
ihrem bereits erwähnten Buch eine Schriftprobe eines Patienten mit globaler Aphasie
veröffentlicht. Er war gebeten worden, seinen Namen abzuschreiben:
Die Broca-Aphasie - Läsionsort
Läsionsort
Die Broca-Aphasie hat ihren Namen, wie Sie sicher schon vermutet haben, vom Ort der zugrundeliegenden Läsion bekommen. Patienten mit einer Broca-Aphasie leiden unter der Minderdurchblutung des Broca-Areals. In Abbildung 3 finden Sie eine Zeichnung, die die Lage des Broca-Areals zeigt.
Ursache der Broca-Aphasie ist in den meisten Fällen eine Minderdurchblutung der Arteria praerolandica, dies ist eine Verzweigung der Arteria cerebri media, sie wird im Ursprung also durch die Arteria carotis interna versorgt. Auch hier ist die Händigkeit des Patienten von großer Bedeutung, ist die Arteria praerolandica rechtsseitig verschlossen, so wird sich eine Broca-Aphasie in Regel eher bei Linkshändern zeigen. Ist die Arteria praerolandica linksseitig verschlossen bzw. ihre Durchblutung stark gestört, so können Linkshänder und auf jeden Fall die Rechtshänder eine Broca-Aphasie erleiden. In Abbildung 4 finden Sie ein CT-Bild eines Patienten mit Broca-Aphasie, man kann hier sehr gut den Läsionsort erkennen.
In Abbildung 4 finden Sie ein CT-Bild eines Patienten mit Broca-Aphasie, man kann hier sehr gut den Läsionsort erkennen
Die Broca-Aphasie - Symptome
Symptome
Patienten mit Broca-Aphasie zeigen als hauptsächliches Symptom (sog. Leitsymptom) eine Sprache, die sich durch kurze und unvollständige Sätze auszeichnet. Häufig fehlen Funktionswörter wie Artikel („der, die, das“), die Substantive werden nicht dekliniert (also dem Zusammenhang in ihrer Form angepasst) und die Verben werden in ihrer Grundform genutzt. Der Sprachfluss ist wesentlich langsamer als üblich und das Sprechen an sich scheint Patienten mit Broca-Aphasie große Schwierigkeiten zu bereiten. Patienten mit Broca-Aphasie ist sehr wohl bewusst, dass mit ihrer Sprache etwas nicht stimmt. Sie bemerken die überlangen Pausen, die sie beim Versuch zu sprechen machen und die zum einen begründet sind in der langwierigen Suche nach dem richtigen Wort, zum anderen in den motorischen Einschränkungen an sich. Patienten, die unter einer Broca-Aphasie leiden, haben sehr große Probleme, ihre Sprache richtig zu steuern, manchmal streuen sie Laute ein, die nicht dorthin gehören, wo sie gesprochen wurden oder sie lassen Laute einfach aus. Um zu verdeutlichen, wie sich die Sprache eines Patienten mit Broca-Aphasie von der eines Gesunden und der eines Patienten mit globaler Aphasie unterscheidet, haben wir untenstehend ein Beispiel aus dem bereits zitierten Buch von Frau Dr. Lutz aufgeführt:
Gespräch mit Frau N.:
L.L: Konnten Sie gestern die Sonne genießen?
Frau N.: ja … Garten … Sohn … Schie … toch … äh … Sohn und … Schiebertochte … Faul … nein … Faumen fülken … nein … Korb Faumen … Garten … ich Sonne sitzen, dann … hause … Kuchen backen … Sohn gerne Faulmenchuchen …
Der Fachbegriff, für die von Frau N. gezeigte sprachliche Einschränkung (sie sagt z.B. „Faulmenchuchen“ statt „Pflaumenkuchen“), lautet phonematische Paraphasie. Auch wenn die Sprache von Frau N. noch weit von allgemein verständlicher Sprache entfernt ist, so ist doch verständlich, was Frau N. erzählen möchte, ganz im Gegensatz zu Herrn G., dessen äußerungen als globaler Aphasiker überhaupt nicht mehr zu verstehen sind.
Zitat aus „Das Schweigen verstehen“, Dr. Luise Lutz, Kapitel 3.2.2.
In Abbildung 3 ist neben dem Broca-Areal auch das Wernicke-Areal eingezeichnet. Auch diese Form der Aphasie hat ihren Namen von dem Ort der Läsion, die diese Störung verursacht. Eine Durchblutungsstörung der Arteria temporalis posterior ist Ursache der Wernicke-Aphasie. In Abbildung 5 sehen Sie ein CT-Bild, das den Läsionsort sehr gut dokumentiert. Auch hier gilt wieder, dass ein Verschluss der Arteria temporalis posterior nicht unbedingt zu dieser Aphasieform führen muss. Ist die Arteria temporalis posterior rechtsseitig verschlossen oder nicht mehr richtig durchblutet, ist die Wahrscheinlichkeit einer Wernicke-Aphasie zu erleiden höchstens bei Linkshändern gegeben. Die Gefahr, eine Wernicke-Aphasie zu erleiden, steigt stark an, wenn der Patient einen Verschluss oder eine Minderdurchblutung der Arteria temporalis posterior linksseitig erlitten hat.
Patienten mit Wernicke-Aphasie sind sich ihrer Sprachstörung nicht immer bewusst. Dies ist wichtig zu wissen, damit man weiß, wie mit diesen Patienten umgegangen werden sollte. Das häufigste Symptom ist ein flüssiger aber auch sehr übertriebener Sprachfluss. Diese Patienten sind quasi nicht zu stoppen. Leider ist ihre Sprache aber selten wirklich verständlich. Patienten mit Wernicke-Aphasie neigen zu semantischen und phonematischen Paraphasien. Ihre Sprache ist also zum einen durchsetzt von Lautveränderungen einzelner Worte und zum anderen durch die Nutzung von dem Sinn nach ähnlichen, aber im Zusammenhang unpassenden Worten. Außerdem zeigen Wernicke-Aphasiker häufig sogenannten Paragrammatismus, sie verschachteln und verquicken die Dinge, die sie mitteilen möchten derart, dass kaum noch etwas Verständliches dabei herauskommt.
Frau Dr. Lutz hat in ihrem Buch ein Gespräch mit einem Patienten mit Wernicke-Aphasie aufgezeichnet. Der Patient war gebeten worden, über seine Wohnung zu sprechen:
L.L.: Da, wo Sie wohnen, haben Sie da auch einen Garten?
Herr J.: Ha ah, das seh ich sofort hier.
L.L.: Ja, haben Sie da auch einen Garten? Da, wo Sie wohnen?
Herr J.: Ja, gäh äh ka ur ein geomer, ein teomer vin annern to eh
L.L.: Ja …
Herr J.: Nech, also, mein schön kerger küksil im Sommer, jetzt um diese Zeit …
L.L.: Ja …
Herr J.: Gehabt un so auch heute den bron denn ein ein für äh na et den oder oder für mich denn für – Gott, wie schwer ist das denn!
L.L.: Ich kann Sie immer noch nicht verstehen, leider! Ich möchte so gern, aber da kommen immer andere Wörter …
Herr J.: Ich weiß, aber aber ein mies da hab ich denn manches so gelies gehakkert ja, ach ja, sach ich da stehn für halle sarge was ich wusste…
(Zitat aus „Das Schweigen verstehen“, Dr. Luise Lutz, Kapitel 3.2.2. )
Am Anfang der Symptombeschreibung der Wernicke-Aphasie wurde gesagt, dass Patienten mit dieser Aphasieform sich ihrer Sprachprobleme nicht bewusst sind. Das eben zitierte Gespräch legt die Vermutung nahe, dass das so nicht stimmt. Allerdings muss hier dazu gesagt werden, dass die Patienten kurz nach dem ersten Auftreten der Wernicke-Aphasie sich ihrer Sprachproblematik wirklich nicht bewusst sind. Erschwerend kommt hinzu, dass die Patienten die Unterschiede zwischen dem Gesagten und dem, was sie sagen wollten, nicht realisieren. Sie hören also sozusagen das, was sie sagen wollten, auch wenn bei uns etwas vollkommen anderes ankommt. Diese Problematik erschwert anfangs die Krankheitseinsicht und damit natürlich auch die Erfolgsaussichten für die Rehabilitation. Wie zu erwarten, ist leider auch die Schriftsprache von der Wernicke-Aphasie betroffen. Patienten mit Wernicke-Aphasie schreiben, wie sie sprechen, verschachtelte und komplexe Sätze, denen häufig die richtigen Worte fehlen. Leider ist nicht nur das Schreiben, sondern auch das Lesen betroffen und diese Patienten können oft den Sinn dessen, was sie lesen nicht erfassen. Allerdings scheint es so zu sein, dass sich das Verständnis für geschriebene Sprache schneller bessert, als das für die gesprochene Sprache. Dies ist eine gute Chance für die Therapie, auf die wir später noch zu sprechen kommen.
Die amnestische Aphasie
Läsionsort
Im Gegensatz zu den beiden zuvor beschriebenen Aphasieformen, kann der
Läsionsort, der zu einer amnestischen Aphasie führt, nicht klar umrissen werden.
Häufig werden Läsionen im Temporallappen oder im unteren Parietallappen oder
auch in der Grenzregion zwischen diesen beiden Gehirnteilen gefunden. Genauer
kann der Läsionsort allerdings nicht beschrieben werden.
Symptome
Amnesie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „ohne Gedächtnis“. Das sagt
eigentlich auch schon das Wichtigste über diese Form der Aphasie. Patienten mit
einer amnestischen Aphasie haben große Probleme, die richtigen Worte zu finden,
sie haben eine Wortfindungsstörung. Dies ist das sogenannte Leitsymptom, also das
Symptom, das hauptsächlich auftritt. Wortfindungsstörungen gibt es auch bei allen
anderen Aphasieformen, bei der amnestischen Aphasie ist dies aber die auffälligste
Einschränkung. Die amnestische Aphasie ist die leichteste Form der Aphasie, da die
Patienten in der Lage sind, in vollständigen Sätzen zu sprechen. Nur leider fehlen
ihnen die richtigen Worte. Dies führt dann dazu, dass sie z.B. häufig mit Floskeln
arbeiten. So wird dann beispielsweise gesagt: „ Wie heißt das noch gleich?“ oder es
wird das ‘allgemeingültige‘ „Dings“ genutzt. Auch Umschreibungen für das gesuchte
Wort werden gerne von Patienten mit einer amnestischen Aphasie genutzt, da ist
dann ein Schlüssel das Gerät, mit dem man die Tür öffnet. Da Patienten mit
amnestischer Aphasie den Gesprächen um sie herum meist gut folgen können, sind
sie (leider) auch oft gut in der Lage, ihre Wortfindungsstörungen zu verstecken,
indem sie beispielsweise die von ihren Gesprächspartnern genutzten Worte in ihren
eigenen Redebeitrag einflechten. Hier ist also eine sehr genaue Diagnostik äußerst
wichtig! Ein von Frau Dr. Lutz im Rahmen der Diagnostik aufgezeichnetes Gespräch
gibt die Symptome der amnestischen Aphasie gut wieder. Der Patient war gebeten
worden, abgebildete Gegenstände zu benennen
»Koffer: Hier haben wir zum Verreisen einen … einen …eine Tasche oder einen To einen Ta
einen tsch … einem ähm … Kofo Koffer einen Kofer einen Koffer
Besen: Und jetzt wollen wir für Sauberkeit … äh, sa an der Sauberkeit denken und nehmen
uns einen … einen scho scho einen … einen … (11 Sekunden Pause) .. was wollen wir wollen zu Hause oder im Geschäft wollen wir saubermachen und benutzen dazu
einen Sch … einen …einen … (6 Sekunden Pause) … einen … wischen und nach dem
Wischen kommt das auf … hoch tro ein trocken ein …ja das ist ein Fehlei.
Wie man im Vergleich zu den Beispielen der vorher beschriebenen Aphasieformen
sehen kann, ist die Sprache eines Patienten mit amnestischer Aphasie meist recht
flüssig und zusammenhängend. Sicher, die Pausen zur Suche nach dem richtigen
Wort, sind auffällig, aber dadurch, dass diese Patienten sich irgendwie zu helfen
wissen, ist die Einschränkung nicht so gravierend, wie bei der globalen, der Broca-
oder Wernicke-Aphasie. Auch das Schreiben zeigt bei Patienten eine ähnliche
Problematik, wie das Sprechen. Worte können nicht gefunden werden und werden
dann umschrieben. Lesen macht Patienten mit einer amnestischen Aphasie keine
Probleme, was eine gute Ansatzmöglichkeit für die Therapie bietet.
Abbildung 6 gibt Ihnen nochmal einen schematischen Überblick über die Läsionsorte
der einzelnen Aphasieformen. Nachdem wir Sie über die vier häufigsten
Aphasieformen ausführlich informiert haben, möchten wir Ihnen auf den folgenden
Seiten noch einen kurzen Überblick über die wesentlich selteneren Formen der
Vollständigkeit halber geben, diese selteneren Formen finden Sie bereits in
Abbildung 6, zumindest was den Ort der Läsion angeht. Dazu ist noch zu bemerken,
dass die Darstellung Läsionsort Störungsbild stark vereinfachend ist. Neben der
Region, die geschädigt wurde, spielen Faktoren wie zum Beispiel die individuelle
Größe der fraglichen Region bei dem Patienten eine Rolle, denn das Gehirn ist von
Mensch zu Mensch unterschiedlich, die groben Überblicke stimmen, aber man kann
keinen allgemeingültigen Grundriss des Gehirns zeichnen. Weiterhin spielen Dinge
wie der Bildungsstand des Patienten vor der Läsion eine große Rolle. Auch das Alter
des Patienten zum Zeitpunkt der Läsion hat eine nicht zu unterschätzende Rolle
Läsionsort
Wie der Name vermuten läßt, ist bei der Leitungsaphasie eine für Sprache wichtige
Verbindung im Gehirn gestört. Hierbei handelt es sich um den Fasciculus arcuatus.
Der Fasciculus arcuatus ist eine Faserverbindung zwischen dem Wernicke- und dem
Broca-Areal. Abbildung 6 zeigt diese Verbindung ein wenig genauer.
Symptome
Bei der Leitungsaphasie haben die Patienten weder Probleme, Sprache zu verstehen
ob nun gesprochen oder geschrieben, noch macht ihnen das Sprechen oder
Schreiben Schwierigkeiten. Die einzig auffällige Einschränkung besteht darin, dass
sie nicht mehr in der Lage sind, vorgesprochene und ihnen unbekannte Worte
nachzusprechen. Patienten mit Leitungsaphasie ist ihr Problem bewusst. Das
Schreiben und Lesen scheint nicht beeinträchtigt zu sein
Transkortikale Aphasien werden in drei Unterformen kategorisiert, diese werden im
Folgenden kurz dargestellt.
Sensorische Form
Läsionsort
Hinterer temporoparietaler Bereich des Gehirns, genauer läßt es sich bisher leider
nicht beschreiben. Abbildung 8 zeigt eine Skizze mit der ungefähren Lage der
Läsion.
Symptome
Patienten mit dieser Form der transkortikalen Aphasie können die Sprache anderer
sehr schlecht verstehen und sie haben ausgeprägte Wortfindungsstörungen.
Außerdem zeigen Patienten mit der sensorischen Form der transkortikalen Aphasie
häufig semantische Paraphasien und Echolalien. Sie können sehr gut
vorgesprochene Sprache nachsprechen und ihre Sprache ist als recht flüssig zu
bezeichnen.
Motorische Form
Läsionsort
Meist im Frontallappen.
Symptome
Patienten mit der motorischen Form der transkortikalen Aphasie zeigen sehr gute
Leistungen, wenn sie etwas nachsprechen sollen. Allerdings sprechen sie von sich
aus recht wenig. Ihr Sprachverständnis ist gut und sie zeigen keinen
Agrammatismus.
Gemischte Form
Läsionsort
Wie der Name vermuten läßt, ist der Läsionsort nicht genau zu lokalisieren. Diese
Form wird eher aufgrund der Symptome diagnostiziert.
Symptome
Patienten, die die gemischte Form der transkortikalen Aphasie haben, zeigen ein
Symptommuster, das tatsächlich wie eine Mischung der beiden anderen Formen der
transkortikalen Aphasie anmutet. Zum einen können sie sehr gut Vorgesprochenes
nachsprechen, ihre eigene Sprache ist allerdings nicht sonderlich flüssig und sie
sprechen generell recht wenig. Sie neigen zu Echolalien und ihr Sprachverständnis
ist sehr schlecht.
Allen drei Formen ist gemeinsam, dass die jeweils geschilderten Probleme sich auch
im schriftlichen Teil der Sprache zeigen
Restaphasien
Läsionsort
Lässt sich nicht lokalisieren.
Symptome
Die sogenannten Restaphasien sind Aphasieformen, die sich nicht zuordnen lassen.
Patienten mit dieser Aphasieform zeigen im Alltag keinerlei sprachliche
Einschränkungen, weder mündlich noch schriftlich. Ihre Probleme offenbaren sich
nur in Gesprächen, in denen im Alltag selten genutzte Fachbegriffe benötigt werden.
Auch hier zeigen sich dann Wortfindungsstörungen. Patienten mit einer Restaphasie
erzählen davon, dass sie Verständnisprobleme bei komplexeren Themen haben. Ihre
Geschwindigkeit beim Lesen ist etwas verlangsamt und sich machen häufiger
Rechtschreibfehler als zu der Zeit, bevor die Störung auftrat
Diagnostik
Der Aachener Aphasie Test (AAT) ist häufig der Test, der zur Diagnose und Einstufung des Schweregrades einer vermuteten Aphasie genutzt wird. Der AAT
besteht aus sechs sogenannten Untertests, also ist es, wenn man es genau nimmt,
eine Sammlung aus sechs Tests, die hilft, die Einschränkungen in verschiedenen
Sprachbereichen genauer zu erkennen und nach ihrer Ausprägungsstärke einzuordnen. Die Untertests bestehen aus folgenden Teilen:
- Spontansprache: Hierbei führen Untersucher und Patient ein ungefähr 10
minütiges Gespräch. Der Untersucher hat – wenn auch nicht dem genauen
Wortlaut nach – Vorgaben über den Inhalt der Fragen, die er stellen soll.
Es soll sich um den aktuellen Gesundheitszustand, den Beruf des
Patienten, seine Familie und die Freizeitaktivitäten des Patienten drehen.
Der Untersucher achtet hier besonders auf die oben beschriebenen
Auffälligkeiten. Also z.B. auf die korrekte Prosodie oder ob der Patient
unter einer Echolalie leidet. Es wird also die gesamte
Kommunikationsfähigkeit des Patienten betrachtet. - Token-Test: Dem Patienten werden mehrere verschiedenfarbige Formen
vorgelegt und er wird vom Untersucher gebeten, z.B. das blaue Quadrat zu
zeigen. Dieser Test dient hauptsächlich dazu, die Aphasie von anderen
Sprachstörungen abzugrenzen, also zu klären, ob es sich tatsächlich um
eine Aphasie handelt. - Nachsprechen: Der Patient muss einzelne Laute, Silben, Fremdwörter,
zusammengesetzte Wörter und ganze Sätze nachsprechen. Dieser Teil
besteht aus insgesamt 50 Aufgaben. Jeder Aufgabe wird vom
Untersuchenden vorgesprochen, mit höchstens einer Wiederholung der
Aufgabenstellung. Dann sollen die vorgesprochenen Worte
nachgesprochen werden. Jede Aufgabe wird mit 0 bis 3 Punkten bewertet,
hier bedeutet 3, dass die Aufgabe korrekt gelöst wurde und 0 dass der
Patient die Aufgabe nicht lösen konnte und das nachgesprochene Wort
nicht mit der Aufgabe übereinstimmt.
Therapie
Was kann neben der Therapie gemacht werden?
Wie bereits erwähnt: Angehörige und Freunde eines Patienten mit einer Aphasie haben einen nicht zu unterschätzenden Therapie“wert“! Nutzen Sie diesen auch in der hier geschilderten Art und Weise:
Es können zum Beispiel ganz alltägliche Dinge als Rollenspiel nachgespielt werden, um so den Alltag leichter meistern zu können. Überlegen Sie als Angehöriger oder Freund allein oder, falls möglich, mit dem Patienten gemeinsam, welche alltäglichen Dinge der Patient Tag für Tag erledigt, ob nun mit oder ohne Sprache. Sie werden sich wundern, wieviele Dinge das sein können! Hier eine sehr unvollständige Liste, die als Anregung gedacht ist:
- Anklopfen und herein gebeten werden
- Sich vorstellen, jemanden begrüßen
- Telefonieren (z.B. einfach mit 2 Telefonen im Raum, ohne tatsächlich zu telefonieren)
- Schimpfen, mit z.B. “auf den Tisch hauen“
Egal was es ist, wichtig ist, dass es vor allem dem Patienten Spaß macht.
Man kann auch “Roboter“ spielen: Hierbei gibt der Patient Anweisungen, die vom Angehörigen ausgeführt werden müssen. Wenn etwas unverständlich ist und auch durch eine Geste durch den Patienten nicht erklärt werden kann, nachfragen, aber nur dann. Sie werden sich wundern, wieviel Spaß so etwas machen kann. Irgendwann kann der “Roboter“ dann auch schwerhörig werden und die Anweisungen misverstehen und falsch ausführen oder immer wieder nachfragen. Auf diese Art muss der Patient die Anweisungen neu formulieren bzw. mehrfach wiederholen und hat so noch ein bisschen mehr Übung.
Es kann auch das Grundprogramm des MODAK durchgeführt werden. Indem z.B. eigene Bildkarten erstellt werden, am besten zusammen mit dem Patienten.
Die genannten Beispiele sind alle dem Buch „Das Schweigen verstehen“ von Frau Dr. Lutz entnommen.
Aber auch “Stille Post“ ist eine gute Spielmöglichkeit, zumal es mit mehreren gespielt werden kann. Sicher kennen Sie auch Gesellschaftsspiele (Scrabble, um nur eines zu nennen), die gespielt werden können. Wie gesagt, das wichtigste ist der Spaß, den der Patient bei diesen Übungen haben soll. Spielerisch lernen ist immer noch die angenehmste Form.
Sie sehen, es gibt viele Ideen und sicher fallen Ihnen auch noch andere Dinge ein, die Ihrem Angehörigen helfen können, seine Sprache wieder zu finden.
Alltag
Wie sieht der Alltag aus
Die Aphasie kommt selten allein
Leider ist es sehr selten, dass ein Aphasiepatient (in Anführungsstrichen) „nur“ die Symptome der Aphasie zeigt. Bei den meisten Patienten sind neben allen Modalitäten der Sprache auch andere kognitive Fähigkeiten, so z.B. die Konzentrationsfähigkeit an sich, die Planung von Handlungen, das Gedächtnis und ihre Belastbarkeit nicht mehr die, die sie vor der Erkrankung von sich gewohnt waren. Menschen, die eine Aphasie haben, können sich nicht mehr so lange wie früher konzentrieren, dies erklärt auch, warum die geschilderten Therapiezeiten so kurz (in den Augen Gesunder) sind. Oft benötigen sie auch mehrere Wiederholungen, um sich Dinge merken zu können.
Neben diesen weiteren Problemen sollten Angehörige sich auch darauf gefasst machen, dass ein Mensch mit Aphasie wesentlich empfindlicher auf Misserfolge reagiert, als vor der Verletzung. Wenn man sich einmal vorstellt, was es für uns Menschen bedeutet, eine Fähigkeit von jetzt auf gleich nicht mehr ausüben zu können, dann sind diese ungeduldigen Reaktionen sehr verständlich. Was jeder gesunde Mensch als kleines Kind mühelos gelernt hat, ist plötzlich verschwunden: die Fähigkeit, sich mitzuteilen. Viele Patienten mit Aphasie zeigen früher oder später alle Anzeichen einer Depression, häufig muss diese gesondert behandelt werden. Der Umgang damit, dass Ihr Angehöriger neben all diesen gesundheitlichen Problemen nun „auch noch“ psychische Probleme entwickelt, ist für Freunde und Verwandte eines Aphasiepatienten nicht leicht. Nun ist Geduld und Verständnis gefragt.
Wenn es sich um eine Aphasie aufgrund der Läsion der Arteria cerebri media handelt, hat der Patient meist noch weitere teilweise sehr gravierende Einschränkungen, mit denen er zurecht kommen muss. Oft entsteht eine Hemiparese, eine halbseitige Lähmung der Extremitäten, entweder ein Arm und ein Bein gleichtzeitig oder nur eines von beiden. Es kann auch zu anderen Ausfällen kommen, auf die hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden kann. Bei vielen Patienten mit Aphasie tritt eine Anosognosie auf. Oft entwickeln sie auch Angstzustände oder sie werden aggressiv, sie können auch unrealistische Erwartungen haben was den Therapieerfolg angeht. Wenn frontale Hirnstrukturen betroffen sind, kommt es leider auch oft zu Veränderungen der Persönlichkeit (beispielsweise können diese Patienten ihre Impulse nicht mehr so kontrollieren, also den unwiderstehlichen Drang, etwas bestimmtes zu tun, nicht mehr so unterdrücken, wie vor der Verletzung). Als Angehöriger muss man sich also auf viele „Nebenkriegsschauplätze“ einstellen!
Was können Angehörige und Freunde tun?
Angehörige und Freunde eines Patienten mit einer Aphasie haben einen nicht zu unterschätzenden Therapie“wert“!
Auch wenn Ihr Angehöriger sich momentan nicht so ausdrücken kann, wie Sie es gewohnt sind, der Mensch ist noch immer da und er möchte sich mitteilen. Geht das nicht mehr über die einfachste Form, das Sprechen, so müssen andere Möglichkeiten gesucht werden. Keine Angst, Sie werden sie finden. Frau Dr. Lutz sagt dazu: „ Den Aphasiker als gleichwertigen Gesprächspartner behandeln.“ Sie schildert eine Situation, in der auch sie als Profi nicht richtig gehandelt hat und ihr erst später aufgefallen ist, was da passiert ist:
Herr U., Globalaphasiker, wird von seiner Frau zur Therapie gebracht. Sie sind verspätet. Ich öffne die Tür. Frau U. ruft: »Es tut mir leid! Der Tunnel war gesperrt«, und es folgt eine längere Erklärung. Herr U. sitzt abwartend im Rollstuhl. Ich habe noch eine organisatorische Frage an Frau U. und merke erst danach, dass ich Herrn U. noch nicht begrüßt habe.
Was mag in ihm vorgegangen sein, während wir Frauen uns über seinen Kopf hinweg unterhielten?
Ein Appell zum Schluss
Was Ihnen und Ihren Angehörigen passiert ist, ist schlimm. Man hat das Gefühl, einer großen Katastrophe ausgesetzt zu sein und man sucht verzweifelt „das Licht am Ende des Tunnels“. Lassen Sie sich nicht entmutigen!
Suchen Sie sich Unterstützung. Es gibt überall in Deutschland Selbsthilfegruppen für Betroffene genauso wie für Angehörige. Sie sind nicht allein. Auf der Internetseite des Bundesverbands Aphasie (http://www.aphasiker.de/) finden sich aktuell (Juni 2013) folgende Zahlen:
Aphasie in Deutschland
2 von 1.000 | Menschen überleben jährlich einen Schlaganfall |
40 % | von Ihnen erleiden dabei eine Aphasie |
90.000 | Menschen haben eine Apasie nach einem Schlaganfall |
über 100.000 | Menschen sind zu jedem gegebenen Zeitpunkt in Deutschland von Aphasie betroffen – ohne Dunkelziffer |
1 -2 Promille | der Bevölkerung ist an Aphasie erkrankt |
Wie Sie sehen, es gibt viele Betroffene allein in Deutschland und es gibt in jeder größeren Stadt mindestens eine Selbsthilfegruppe. Fragen Sie im Krankenhaus nach, dort wird man Ihnen sicher bereits weiterhelfen können.
Neben diesen Interessenvertretungen und Selbsthilfegruppen gibt es auch noch etwas ganz speziell für Menschen mit einer Aphasie. Die sogenannten Aphasiker-Chöre. So merkwürdig es klingt, Menschen mit einer Aphasie mögen vielleicht keinen vollständigen Satz mehr sprechen können, aber sie können singen. Sie singen die vollständigen Texte ihnen bekannter Lieder ohne einen einzigen Fehler oder eine dort nicht hingehörende Pause. Vielleicht mögen Sie sich hierzu einen kurzen Film ansehen: http://mediathek.rbb-online.de/rbb-fernsehen/rbb-praxis/focus-stimme-aphasiker-chor?documentId=13398646
Lassen Sie sich nicht entmutigen, das Leben geht – wenn auch in anderer als bisher gewohnter Weise – weiter.
Auf jeden Fall wünschen wir Ihnen und Ihren erkrankten Angehörigen für die Zukunft alles Gute.